Wie üblich beim Aufschieben der verschieden trivialen Aufgaben unseres Student*innen Daseins gaben ich und eine gute Freund*in uns einer Diskussion über unsere Gesellschaft hin. Wir sprachen über den Ukrainekrieg und dessen Framing in den Medien, sowie dem generellen Umgang der Schweizer Gesellschaft mit der Thematik. Wir kritisierten dabei, wie für uns gewohnt, alles, was uns gerade vor die Flinte lief. Nach einigen Minuten setzte sich ein Kollege zu uns, den ich im Semester zuvor kennenlernte und brachte sich etwas ein. Der Widerspruch zwischen unseren Positionen, der sich daraus ergab war der, dass wir (meine Kolleg*in und ich) die Ursache jenes Krieges deutlich tiefer verwurzelt in unserer gegenwärtigen sozialen Organisation sahen. Wir diskutierten wohl eine Viertelstunde vor uns hin, als unser Kollege uns kurz unterbrach und meinte, dass er es «bewundernswert» fände, wie ernst wir diese Diskussionen nahmen und wie wichtig uns dieses Anliegen sei. In dem Moment war das Einzige, was mir als Erwiderung einfiel, dass wir versuchen so «so wenig prätentiös wie möglich» zu sein dabei, was ich mit einer selbstironischen Geste zu unterstreichen versuchte.
Sein Kommentar, den ich im ersten Moment narzisstisch auf mich selbst bezog, regte mich aber in einem Moment kurzer Reflexion nach dem Gespräch dazu an, etwas bei dieser Thematik innezuhalten. Es handelt sich dabei um ein Problem über welches ich schon einiges gelesen aber nicht annähernd genug verstanden habe. Die Aussage, das Lob, an meine Kolleg*in und mich sagt nämlich deutlich mehr über unsere Welt aus, als sie über uns zwei tut. Es handelt sich bei diesem Kollegen um jemanden der ebenfalls studiert, dies mit beiden Fächern in den Geisteswissenschaften. Wie kommt es, dass dies nicht die Norm ist, dass Menschen an der Welt aktiv interessiert sind und sie ihnen am Herzen liegt? Wie kommt es, dass sich diese Apathie und der Zynismus selbst unter Studis so dermassen breitmachen kann?
Auf diese Fragen gibt es nicht nur viele Antworten, sondern auch viele von Menschen, die davon deutlich mehr verstehen und endlos intelligenter sind als ich. Ich möchte mich hier dennoch ganz kurz auf einen Mechanismus eingehen, den ich in letzter Zeit, seit einer Vorlesung, in welcher dieser angeschnitten wurde, überall erkenne. Gemeint ist der Prozess der Banalisierung. Die materielle Grundlage dieses Prozesses sind sicherlich Informationssysteme, welche eine komplette Informationsüberflutung der Einzelperson erlaubt. Für ein Gelingen dieses Prozesses ist es an sich nicht einmal notwendig, dass jede*r diese Informationsflüsse konsumiert, sondern schlicht, dass das jeweilige Umfeld und die breitere Gesellschaft davon überflutet ist. Gerade dem Fernsehen und den Mobilgeräten kommt hierbei eine wichtige Rolle zu. Diese laufen passiv im Hintergrund, überfluten selbst die Unaufmerksamen konstant mit einer Bilderflut eben jenes Krieges. Der Prozess reduziert die Komplexität von verschiedenen Abgebildeten Ereignissen und desensibilisiert umgekehrt die Konsument*innen des jeweiligen Programms.
Zurück zum Ukraine Krieg. Durch die ständige Informationsflut und die unter anderem dadurch in uns kultivierte Kurzlebigkeit werden diese grausamen Ereignisse nach und nach trivialisiert. Es handelt sich dabei ohnehin um etwas, worauf uns gestellte Versionen in Film und Games schon seit Jahren zeigen. Dass dieser Mechanismus als Hülse dient ist offensichtlich. Prinzipiell kann und wird jeder Missstand banalisiert werden. Gerade die enorm fortgeschrittene Banalisierung allen Elends hat zum Resultat, dass derjenigen die es zu kritisieren vermag gerade die Offensichtlichkeit dessen entgegengehalten wird. Die Folge: Bereits eine halbstündige und einigermassen ernsthafte Diskussion wirkt verwunderlich, ungewöhnlich und im Extremfall bereits «bewundernswert».