Zärtlichkeit

Es gibt einige Regungen zwischen Menschen, die bei näherer Betrachtung bereits die freie Gesellschaft antizipieren. Eine dieser Ausdrücke ist die Zärtlichkeit. Längst nicht so oft anzutreffen wie ich mir wünschte, ist es jedoch etwas, was bei genauerem Hinschauen sich hin und wieder erkenntlich zeigt. Durch die Gespräche mit einer guten Freundin schulte ich meinen Blick in den vergangenen Wochen darauf und möchte einige überlegungen anderer und meiner selbst, sowie einige meiner Lieblingsbeobachtungen hier aufführen. Zunächst aber kurz dazu, warum wir gegenwärtig überhaupt nach diesen Phänomenen suchen müssen:

“Die praktischen Ordnungen des Lebens, die sich geben, als kämen sie den Menschen zugute, lassen in der Profitwirt­schaft das Menschliche verkümmern, und je mehr sie sich ausbreiten, um so mehr schneiden sie alles Zarte ab.” (Adorno, Minima Moralia, Aphorismus 20)

Aus der obigen Diagnose ergibt sich für mich eine neue Facette des Charakters der Zärtlichkeit. Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist die Zärtlichkeit eine Form des Widerstandes. Durch ihr Wesen, welches sich fundamental einer zweckrationalisierung der Beziehung zum Anderen entgegenstellt, eröffnet die Kultivierung dieser neue Türen und bietet der Produktionswut unserer Gesellschaft die Stirn. Die Zärtlichkeit, die selbst keine Zwecke kennt, stellt sich im Prinzip dem einwandfreien Funktionieren der Apparatur entgegen, wurde aber von dieser auch auf eine bestimmte und sehr beschränkte Art punktuell Instrumentalisiert um dem Ungeheuer einen Menschlichen Anstrich zu verleihen. Auf jene Oasen der Menschlichkeit im Meere der Barbarei haben wir dann auch noch die Frechheit stolz zu sein. Daraus folgt für mich, dass gerade die Äusserungen der Zärtlichkeit faszinieren, zu denen die Individuen nicht der Gepflogenheit halber angehalten werden, was ohnehin in unserer gegenwärtigen Konstellation dazu führt, dass bei genauerem Hinschauennicht einmal von Zärtlichkeit gesprochen werden kann. Darunter fällt zum Beispiel das altbekannte halbherzige sich-nach-dem-Gemütszustand-des-Gegenübers-zu-erkunden. Zwei Momente, welche ich in den vergangenen Tagen bei einigen meiner Uni-Freund*innen beobachtet habe möchte ich im folgenden Aufführen. Dies, da mir das nachdenken und beobachten davon enorm viel Freude macht.

Einer der Momente, welche mich zutiefst berührt haben ist der folgende. Die betreffende Person, welche hier liebevoll unter dem namen “Mastus” beschrieben wird, hatte an diesem Tag kaum geschlafen und musste sich zudem noch mit einem Kater herumschlagen, an welchem ich zugegebenermassen nicht unschuldig war. Wir befanden uns in einem Aufenthaltsraum des Historischen Seminars und die Andwesende tat sich schwer damit meinen Ablenkungsversuchen zu widerstehen. Nach zehnminütigen erbitterten und doch gescheiterten Versuchen des Konzentrierens wurde ich etwas harschem Ton aber völlig gerechtfertigt gemassregelt und es wurde mir erklärt, dass sie eben jene Aufgabe nun wirklich erledigen müsse. Nach etwa zwanzig Minuten, in denen ich mich zunächst widerwillig, folgend aber zunehmend interessiert in meinen Text über den Freiheitsbegriff von Herbert Marcuse vertiefte wurden wir erneut unterbrochen. Einem kurzen Gespräch mit einem dazugestossenen Kollegen folgend wandte sich Mastus mir zu und entschuldigte dafür, dass mir vorhin ihre Aufmerksamkeit nicht zukam. Die Geste die mich nun faszinierte folgte dieser kurzen, beinahe beiläufig geäusserten Entschudigung. Sanft streckte Mastus ihre Hand aus, deren Rücken nun nach oben zeigt, die Finger in leicht gebeugter Stellung. Zunächst stellte sich bei mir Verwirrung ein und ich war mir im unklaren, was Mastus mit der Geste beabsichtigte. Sogleich wurde mir jedoch klar, dass der liebe Mensch mir so zärtlich die Hand als entschuldigung reichte, welche ich selbstverständlich kurz darauf sanft drückte. Was faszinierende war nun für mich, dass diese Geste gewissermassen unbewusst geschah, war der gute Mensch doch bereits ins nächste Gespräch verwickelt. Für mich verleit dieser Umstand der Geste zunehmende authentizität und unterstreicht die den Aspekt der zweckfremdheit. Dies auch, da weder 2.5 Stunden Schlaf noch ein Kater Mastus davon abhalten konnte diese geste der Wertschätzung un- oder zumindest nicht voll bewusst zu äussern.

Die zweite Beobachtung machte ich an dem liebenwerten Menschen, der hier als ”El Ödön Elle” aufgeführt wird. Für viele Menschen wird das Folgende wohl eine der ersten Dinge sein, die sie an dem Menschen beobachten oder zumindest der erste physische Kontakt mit ihm. Die Rede ist hier von der Begrüssung, der Umarmung von El Ödön. Diese stach für mich schon im ersten Moment heraus. Der durch die zarte Umarmung Beglückten wird nie ein Gefühl des Eingeengtseins vermittelt, da der Elbogen sich auf einer höhe befindet, der der Schulter, was den eigenen Arm nicht fixiert. Der sanfte Druck der folgend von der zwischen den Schulterblättern platzierten Hand und seiner Brust ausgeht ist ebenfalls so dosiert, dass er der Person niemals unangenehm werden könnte. Durch sein sanftes Vorbeugen des Oberkörpers wird ebenfalls eine gewisse Distanz gewahrt. Üblicherweise wird das Ende der umarmung folgend noch mit einem charmanten lächeln untersrichen. Auch hier bin ich mir sicher, dass sein rücksichtsvoller Umarmungs-Stil (wenn es denn sowas gibt) keineswegs absichtlich so gewählt wurde sondern vielmehr etwas von seinem Innersten nach Aussen trägt. Diese Behutsamkeit und Zartheit im Umgang mit Anderen passt auch zu meinen sonstigen Beobachtungen.

Es ist von zentraler Bedeutung diese kleinen Verhaltensmuster nicht abstrakt von unseren gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen zu betrachten, weil sie dort erst ihre volle Bedeutung entfalten. Durch die Totalisierende Tendenz in der gegenwärtigen fortgeschrittenen Industriegesellschaft, die die Widersprüche in sämtliche Lebenssphären trägt findet sich zugleich und als Konsequenz dessen auch eine Totalisierung des Kampfes. Widerstand wird notwendig in allen Bereichen unserer Lebenswelt.

Wo die Haupttendenz der Gesellschaft sich in Richtung der verrohung des Menschen, oder dem was von ihm übrig ist, wendet, sind es solche Gesten die dem Entgegenhalten. Für mich sind sie es die meinen Glauben in die Fähigkeit des Menschen eine andere, menschliche Gesellschaft zu verwirklichen bestärken. Wir sehen diese Potentiale jeden Tag in uns selbst und in anderen, wir sehen sie in unserem Denken und Handeln. Bisher sind das aber einzig Keime deren Gedeihen von unserer aktuellen Gesellschaftstruktur gehemmt und unterbunden werden. Bis diese Umstände jedoch überwunden sind erinnern uns diese Phänomene, hier sanfte Gesten zwischen Freunden, jedoch an die Möglichkeit der Negation von allem was gegenwärtig ist.